Kurz vor der Landtagswahl am 7. Mai in Schleswig-Holstein spielen die Parteien die gewohnte Klaviatur des Kampfes um Stimmen. Doch etwas ist 2017 anders. Dieses „Digitale“ hat plötzlich einen höheren Stellenwert und Chancen scheinen den Akteuren nun greifbarer als Gefahren. Neben einer Digitalen Agenda, der Digitalen Woche Kiel und dem Ausbau der digitalen Infrastruktur fällt zunehmend der Blick auf das StartUp-Ökosystem im Land.

Schaut man auf über 150 Jahre der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, die zu diesem Diskussionsabend geladen hatte, sieht man zunächst wenig vom Gründergeist. Wie also passt dies mit den StartUps in Schleswig-Holstein zusammen?

Rund 15 Teilnehmer kamen in die Starterkitchen, um gemeinsam mit den geladenen Gästen über die unterschiedlichsten Facetten der Gründerszene zu debattieren.

Die Diskutanten

Dr. Frank Nägele – Staatssekretär Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Technologie des Landes Schleswig-Holstein

Nico Lumma – Netzpolitiker, Unternehmer, Autor und Begründer und Co-Vorsitzender von D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt

Nici Beckendorf – Quartiersleiterin der Digital Media Women in Schleswig-Holstein, Mitgründerin von StartUp Flensburg

Moderation:

Anke Johanßon, Vorstandsmitglied des AK Digitale Gesellschaft

 

Vielfalt in den Themen des Abends

Digitale Agenda

Die Digitale Agenda SH wird weitestgehend begrüßt. Trotzdem stellt sich die Frage, ob wir nicht vielleicht schon etwas spät dran sind – und nun noch gemeinsam zwei Jahre an einer Beta-Version arbeiten. Zwei Jahre sind lang, da kann einiges passieren. Die Zukunft gestalten, das wäre optimal. Ihr hinterherlaufen scheint jedoch derzeit noch Fakt.

Sicherheit vs. Vertrauen

Die soziale Absicherung von StartUps ist ein für die SPD neues Thema, die Sorge um Arbeitnehmer nicht – sie ist fest in der DNA der Partei verankert.

Ganz klar setzt die SPD auf Sicherheit, was sie aus ihrer Geschichte der Sorge um die Arbeitnehmer kennt und kann. Gründer jedoch brauchen vor allem auch Vertrauen. Vertrauen darauf, dass sie für sich selbst sorgen und mündig sind – und Sozialleistungen in Anspruch nehmen, wenn sie es für nötig halten, nicht aus einer Pflicht heraus.

Dennoch könnten mit einer optimaleren sozialen Absicherung – ob vorgeschrieben oder nicht – Barrieren in Bezug auf eine Gründung abgebaut werden, wie beispielsweise die Lohnfortzahlung ab dem ersten Krankheitstag. Für Arbeitnehmer ist sie eine Selbstverständlichkeit, warum nicht für Gründer?

Derzeit orientiert sich noch alles am Normalarbeitsverhältnis. Das muss sich ändern, denn die Neue Arbeit ist schon da, wir stecken mittendrin.

Standortvorteile nutzen

Schleswig-Holstein ist das schönste Bundesland der Welt – das weiß jeder. Wer hier gründet, möchte mit hoher Wahrscheinlichkeit auch bleiben. Doch wem nützt das schöne Land, wenn man hier keine optimalen Arbeitsbedingungen für Gründer findet?

Dr. Christian Wiele vom gezeitenraum verwies auf das Beispiel des Coworking-Spaces im dänischen Klitmoeller. Wassersport und Neue Arbeit miteinander verknüpfen? Besser könnte Schleswig-Holstein seine Standortvorteile kaum nutzen.

Zur Attraktivität eines Standortes für StartUps gehört neben Gründungen unterstützenden Gesetzen und Zugang zu Markt und Kapital eben auch eine Umgebung, die Erholung bietet und den Kopf frei macht.

Sichtbarkeit steigern

Insgesamt würde den StartUps in Schleswig-Holstein noch mehr Sichtbarkeit gut tun. Es gibt bereits so viele Netzwerke, Initiativen, Konferenzen und Festivals, auf die alle gemeinsam schauen und sich einbringen. Dies alles noch enger miteinander zu verknüpfen, um gemeinsam noch mehr auf die Straße und ins Netz zu bringen, wäre für alle Beteiligten gewinnbringend.

Eine ähnliche Entwicklung wie in Skandinavien oder Boulder, Colorado ist bereits in vollem Gange – was spätestens beim waterkant #StartUpSH Festival 2017 zu erleben sein wird.

Gründen heißt auch Scheitern

Als gescheiterte Gründerin sprach sich Nici Beckendorf für eine offene Kommunikation und einen Paradigmenwechsel aus: Zum Gründen gehört auch das Scheitern. Natürlich ist dies der unangenehme Part. Trotzdem sollte man offen darüber sprechen – denn nur so zeigt sich, wie wichtig die Lehre aus Fehlern ist, was ein gutes Netzwerk ausmacht oder wie man durch eine mögliche Insolvenz hindurch kommt.

Wie wäre es, wenn Scheitern motiviert, wir aus Fehlern lernen und unsere Erfahrungen in neue Ideen einfließen lassen?

Bildung

Eines der wichtigsten Themen des Abends war die Bildung, denn alle Anwesenden waren sich einig: Digitale Bildung muss früh beginnen. Die Ideen, wie genau Digitale Bildung auszusehen hat, variierten jedoch – von “Programmieren als Pflichtfach” über Lehrbegleitung durch Digital Natives bis zu umfassenden Konzepten, die vor allem eines lehren: Selbstständigkeit. Eine Eigenschaft, die nicht nur Gründern, sondern vor allem Gesellschaften gut tut.

Insgesamt gestaltete die Diskussion “SPD und StartUps – Wie passt das zusammen?” einen spannenden Abend und war für die Teilnehmer vor allem auch interessant, weil die drei geladenen SPD-Mitglieder nicht immer einer Meinung waren und es auch nicht sein mussten. Auch innerhalb einer Partei darf diskutiert werden, um Dinge anzustoßen und auf den Weg zu bringen.

Alle Beteiligten waren sich auf jeden Fall einig: Dies war nur ein Gesprächsauftakt. Es gibt noch viel zu besprechen. Und noch viel mehr zu tun.

 

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