Teil V: „Liebhaberei“ kommt nicht von „lieb haben“… und was bitte ist Scheinselbstständigkeit?

Liebhaberei

Ein Unternehmer zeichnet sich ja vor allem dadurch aus, dass er oder sie zu 100% an sein Produkt und dessen Erfolg glaubt, selbst wenn es zu Beginn vielleicht noch nicht so rund läuft. Das Finanzamt beäugt diesen Zustand sehr genau, denn wenn Du über einen längeren Zeitraum keine entsprechenden Unternehmensgewinne realisierst (wir sprechen hier von mehreren Jahren), kommt das Thema „Liebhaberei“ ggf. zum Tragen.

Jeder Gewerbetreibende muss eine sog. Gewinnerzielungsabsicht nachweisen. Wer also keine Gewinne über einen längeren Zeitraum erzielen kann und auch nicht belegen kann, dass entsprechende Investitionen getätigt oder vorbereitet wurden, der muss damit rechnen, dass die Tätigkeiten des Betriebes als „Liebhaberei“ eingestuft werden. Damit ist dann im schlimmsten Fall die Abmeldung des Gewerbes verbunden.

Es gilt also vor allem, dem Finanzamt frühzeitig zu signalisieren, dass man entsprechende Bemühungen unternommen hat oder unternehmen wird, um das eigene Unternehmen innerhalb einer Zeitspanne in die Gewinnzone zu führen. Vielleicht fragt sich der eine oder andere jetzt, warum es die Liebhaberei überhaupt gibt, schließlich will doch irgendwie jeder mit seinem „Laden“ Gewinne erzielen – je mehr desto besser. Ganz so einfach ist das leider nicht. Sagen wir einfach es gibt „Lebenskonstellationen“, in denen es z. B. innerhalb einer Familie sinnvoll sein kann, dauerhaft Verluste zu generieren.

 

Scheinselbstständigkeit

Die Frage nach der Scheinselbstständigkeit interessiert vor allem die Sozialversicherungsträger, also z. B. die Rentenkasse. Diese prüft, ob eine Selbstständigkeit nur zum „Schein“ besteht, um ein reguläres Arbeitsverhältnis und somit die Abgabe von Sozialleistungen zu umgehen.

Fälschlicherweise denken viele Gründer, dass man die Frage „bin ich wirklich Scheinselbstständig“ damit aushebeln kann, in dem man mehr als einen Auftraggeber hat. Leider ist diese Idee der diversen Auftraggeber aber nur ein Baustein des gesamten Fragenkatalogs, den es zu beantworten gilt. Folgende Fragen solltet Ihr daher in Bezug auf Scheinselbstständigkeit mit einem klaren „nein“ beantworten können:

  • Ich habe bei meinem Hauptauftraggeber ein Büro
  • Ich habe von meinem Hauptauftraggeber ein Handy (Smartphone) zur Verfügung gestellt bekommen
  • Ich trage die Arbeitskleidung meines Hauptauftraggebers
  • Ich bin an Geschäftszeiten oder Weisungen meines Hauptauftraggebers gebunden
  • Ich habe keinen eigenen Marktauftritt (z. B. kein eigenes Logo)
  • Ich nutze weitere Ressourcen meines Hauptauftraggebers
  • Mein Hauptauftraggeber stellt mir ein Fahrzeug
  • Ich habe keine eigenen Angestellten

Ihr seht sicher schon, in welche Richtung diese Fragen allesamt zielen. Als Faustformel gilt – wenn Du mehr als zwei der oben genannten Fragen mit „ja“ beantworten musst, bist Du bzw. ist Dein Unternehmen von Scheinselbständigkeit bedroht.

Solltest Du Dich mit Deiner selbstständigen Tätigkeit gegenüber Deinem Auftraggeber wirklich eher als Angestellter fühlen, dann hinterfrag doch einfach, warum Dein Auftraggeber Dich nicht einstellen kann oder möchte.


Patric Stöbe

öffentlich bestellter und vereidigter
Sachverständiger für die Bewertung von
Anlagegütern und Geschäftsausstattungen

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