– Ein Gastbeitrag von Inga Wiele

 

Die Digitalisierung stellt ganz neue Anforderungen an die Art und Weise, wie Menschen in Organisationen zusammenarbeiten. Die Vernetzung von Menschen und ihrem Wissen ist gefordert, um die komplexen Herausforderungen zu lösen.

Design Thinking liefert die Grundlage dafür in Form eines strukturierten Problemlösungs-ansatzes, der darauf abzielt, die Bedürfnisse von Kunden besser zu verstehen und auf den Punkt zu bringen. Die beteiligten Personen sind aufgerufen, zuerst ein umfassendes Problemverständnis zu entwickeln, bevor sie über Lösungen nachdenken. Basierend auf diesem Problemverständnis werden Ideen entwickelt und durch Prototypen greifbar gemacht. Gemeinsam mit den Kunden wird validiert, falls nötig überarbeitet und erst dann umgesetzt, wenn die Lösung für den Kunden passt.

Man könnte sagen, Design Thinking gibt Innovationsprozessen Struktur und bietet Teams einen Standard für die Zusammenarbeit in Kreativprozessen. Es ist eine Arbeitsform der Zukunft. Für Unternehmen eröffnet sich die Chance, verborgene Potentiale ihrer Mitarbeiter zu entdecken und damit förmlich einen Schatz für innovatives Arbeiten zu heben.

Gebt mal zum Spaß bei Google Trends die Begriffe Design Thinking, Lean Startup und Business Model Canvas ein – Design Thinking gewinnt. Probiert es aus.

Was macht also den Erfolg des Ansatzes aus?

Streng genommen ist Design Thinking ein Innovationsansatz unter vielen. Doch es trifft im Augenblick sehr gut den Zeitgeist, da es das Thema Innovation auf eine Weise angeht, die unterschiedlichste Charaktere stark anspricht.

Vordergründig wird in den meisten Definitionen der konsequente Kundenfokus betont. Dies greift aus meiner Sicht jedoch zu kurz, da wir ja schon seit Jahren den Begriff des „König Kunden“ kennen.

Die Stärke von Design Thinking rührt eigentlich aus mehreren Elementen:

  1. Es fördert eine offene Geisteshaltung (Mindset), das die Praktizierenden in ihrer persönlichen Weiterentwicklung voranbringt. Das Vertrauen in die Fähigkeit, die eigene Umwelt aktiv gestalten zu können, wird gefördert. Dave Kelley – einer der Väter des Design Thinkings – spricht dabei von Creative Confidence.
  2. Design Thinking rückt die Bedeutung des Teams in den Vordergrund. Es werden Methoden eingesetzt, die es Teams ermöglichen, die unterschiedlichen Kompetenzen der einzelnen Teammitglieder viel stärker zu nutzen als individuelle Arbeitsmethoden. Durch die Nutzung des Wissens diverser Teammitglieder werden Aufgabenstellungen besser erfasst und die Entwicklung neuer Ideen mit vereinter Kraft vorangetrieben.
  3. Räume werden anders genutzt als gewohnt. Das typische Besprechungszimmer mit schwerem Tisch, Stühlen und Beamer weicht flexibel nutzbaren, oft verschiebbaren Möbeln. Arbeitsergebnisse werden für alle Teammitglieder sichtbar an den Wänden gehalten und sind nicht in „Stein gemeißelt“, sondern können über die Zeit immer wieder durch einfaches Wegwischen oder Umhängen von Post-Its verändert werden.
  4. Ein intuitives Prozessmodell, das die Definition des Problemraums vor die Lösungsfindung stellt. Die einzelnen Phasen werden mit Methoden verknüpft, die es Teams leichter machen, zum jeweiligen Zeitpunkt gut strukturiert zusammen zu arbeiten. Die Phasen nennen sich

a) Verstehen
b) Beobachten
c) Standpunkt/Sichtweise definieren
d) Ideen finden
e) Prototypen bauen
f) Testen

Sie führen von einer grundlegenden Orientierung und Teamfindung (Phasen a-c) zu einer Lösungsfindung (Phasen d-f).

Das Ergebnis ist ein sehr flexibler Ansatz, der durch seine gute Nachvollziehbarkeit und zusätzlichem Einsatz spielerischer und kreativitätsfördernder Elemente Teams auf die Verfolgung ein gemeinsamen Ziels ausrichtet.

Auf den ersten Blick scheint nichts im Ansatz wirklich neu, da viele Elemente aus anderen Innovationsmethoden, Moderations- und Coachingansätzen bekannt sind. Trotzdem sind die meisten Teams überrascht, wie anders sich die Methode anfühlt, wenn man sie zum ersten Mal tatsächlich ausprobiert.

Wichtig ist trotzdem eine solide Ausbildung in der Methode. Es empfiehlt sich, mindestens eine Person im Team als Coach auszuwählen, der bezüglich des Ergebnisses neutral bleiben kann und Gruppenprozesse moderiert.

Vorsicht ist geboten, wenn die einzelnen Phasen nur per Arbeitsanweisung durchgeführt werden. Es ist ein tiefes Verständnis des jeweiligen Hintergrunds notwendig, weil sonst schnell Unwille über die teils unkonventionellen Methoden (vor allem Warm-Ups, Personamethode und Prototyping) entsteht und die Sinnhaftigkeit des gesamten Ansatzes angezweifelt wird.

Schwierig kann auch die Überbetonung der Kreativität in der Methode sein. Viele Menschen halten sich selbst nicht für kreativ und gehen deshalb automatisch davon aus, dass der Ansatz für sie nicht passt. Deshalb hier nochmal die Betonung: Es geht vor allem darum, ein gemeinsames Verständnis für Aufgabenstellung und der gemeinsam zu realisierenden Lösung zu entwickeln. Dafür ist es wichtig, möglichst viel Wissen zu teilen, Hypothesen aufzustellen und zu verifizieren. Gelingt es dem Team dadurch mit einer gemeinsamen Vision voranzugehen, ist die Wahrscheinlichkeit wesentlich höher, dass das gemeinsame Ziel erreicht wird.

Ein Teilnehmer bat mich am Ende eines unserer Trainings, den Denkansatz in einem Satz zusammenzufassen. Nicht einfach – aber hier ein Versuch:

Design Thinking ist ein Standard für die Zusammenarbeit von Projektteams bei der Lösung von komplexen Fragestellungen unter hoher Ungewissheit.

 


Über die Autorin

Inga Wiele ist Expertin für Design Thinking. Seit 2011 nutzt sie den Ansatz, den sie beim Hasso-Plattner-Institut in Potsdam gelernt hat. Zunächst ganz praktisch in ihrer Projektarbeit als Produktmanagerin bei SAP in Walldorf. Seit 2014 unterstützt sie gemeinsam mit ihrem Mann Christian als selbständige Unternehmerin und Geschäftsführerin von gezeitenraum in St. Peter-Ording Kunden, die mit Hilfe von Design Thinking neue Produkte und Strategien entwickeln.

Mehr Informationen zu Inga, Design Thinking und gezeitenraum findet ihr unter: https://www.gezeitenraum.com/

Bei Fragen könnt ihr euch gerne auch bei Inga melden: inga@gezeitenraum.com

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