Christiane Brandes-Visbeck gab uns beim WINspire Startup Talk am 17. April einen sehr interessanten und inspirierenden Einblick in ihr erlebnisreiches Berufsleben – oder wie sie selbst sagt „chaotisches Leben“. Christiane ist Gründerin von Ahoi Consulting und war viele Jahre Quartiersleiterin der Digital Media Women in Hamburg. In ihrem Storytelling sprach sie über das Thema „Warum Selbstführung so wichtig ist und was unternehmerische Selbstständigkeit dazu beiträgt.“

Veranstaltet wurde der WINspire Startup Talk von SPICE Women’s Entrepreneurship – volles Haus in der Location von BlackBox Classics Oldtimervermietung in Wees, wo das Event zwischen tollen Oldtimern stattgefunden hat.

 

 

Was ist der WINspire Startup Talk?

Die Bezeichnung WINspire steht für Women Inspire. Hierbei handelt es sich um eine Talkreihe, die Gründerinnen und Unternehmerinnen die Möglichkeit bietet, sich und ihr Business vorzustellen, eine persönliche Geschichte zu erzählen, themenspezifische Schwerpunkte zu setzen – ganz nach Belieben der jeweiligen Speakerin. Diese Netzwerkabende richten sich insbesondere an Frauen, die am Thema „Gründung“ interessiert sind, aber auch sind Männer aus der Gründerszene herzlich willkommen.

 

Selbstführung & unternehmerische Selbstständigkeit

Nach einer herzlichen Begrüßung und kurzen Einführung durch Kirsten Mikkelsen (SPICE Women’s Entrepreneurship, Europa-Universität Flensburg) und Jan-Martin Lührs (BlackBox Classics Oldtimervermietung), begann Christiane mit ihrem Storytelling.

Christiane gilt heute als ein Vorbild und wird immer wieder gefragt, wie sie es damals mit ihrem „komischen“ Leben geschafft hat. Denn ihr ganzes Leben war immer bestimmt von „Geht nicht, gibt’s nicht, brauchen wir nicht!“ und sie hat sich dann immer irgendwie so durchgeboxt. Für sie ist Selbstführung das Entscheidende:

Man muss eigentlich sein Leben lang immer gucken, dass man sich an die Widrigkeiten des Lebens gewöhnt, dass man sich anpasst, so gut es halt geht, soweit man das kann und soweit das auch zur eigenen Persönlichkeit gehört und schon gar nicht seine gute Laune verliert. Mein Motto: Führe dich selbst und finde deinen eigenen Weg.

Ihr Berufsleben sieht Christiane in 5 Akten, das sie uns erfrischend und ehrlich schilderte:

ERSTER AKT

Nach ihrem Magister-Abschluss arbeitete Christiane als Produktionsassistentin beim Fernsehen. Zwar war sie für diesen Job überqualifiziert, die Bezahlung war sehr schlecht und eigentlich war das Schreiben stets ihr Wunsch, aber dennoch war sie froh, dass sie überhaupt eine journalistische Stelle bekam. Sie absolvierte zudem immer mal wieder Praktika, unter anderem beim ZDF. Hier hat sie investigative Stücke gemacht, zum Beispiel über Drogen im Gefängnis – für einen „normalen“ Redakteur war dies allerdings undenkbar, schließlich war sie „nur“ eine Praktikantin. In dieser beruflichen Phase fühlte sich Christiane wie ein Jaguar, der sich zuerst langsam anschleicht und dann plötzlich zuschlägt:

Immer so ein bisschen Undercover, sich immer kleiner gemacht als man ist und irgendwann habe ich dann zugeschlagen.

„Zugeschlagen“ hat Christiane dann, als sie beim Fernsehen die Chance bekam, die Leitung für eine TV-Sendung in der Produktionsfirma einer Bertelsmann-Tochter zu übernehmen. Wie kam es dazu? Da es sich um einen jungen Sender und um ein junges TV-Format handelte, lehnten sämtliche namhaften Fernsehleute aufgrund eines hohen Risikos das Stellenangebot ab – Christiane mit ihrer 2-jährigen TV-Erfahrung nahm das Angebot an. Obwohl die Sendung gut lief, sollte diese laut Chefetage geändert werden. Da Christiane jedoch der Meinung war, dass die Sendung so nicht mehr der Zielgruppe entsprach, setzte sie die Änderungswünsche nicht um und wurde kurz danach zur Fernsehleiterin befördert. Wieder verglich sie sich mit einem Jaguar: Dieser galt bei den Maya als Symbol der Sonne in der Unterwelt, assoziiert mit Opferung und Tod – für Christiane war es zu dieser Zeit gewissermaßen der Tod, weil sie ihre Sendung abgegeben hatte. Hier gelangte sie an den Punkt, wo ihr bewusst wurde, dass ihr das alles eigentlich nicht mehr so viel Spaß machte…

ZWEITER AKT

Und wie es der Zufall wollte, lernte sie auf einer TV-Party einen Kameramann aus New York kennen und lieben. Es kam alles zusammen: Ihre Verliebtheit, ihre Unzufriedenheit, ihre Begeisterung für diese tolle Weltstadt… schließlich kündigte sie und ging mit ihrer Liebe nach New York. Zu dieser Zeit war dort RuPaul als Drag Queen sehr angesagt und erfolgreich. Er kleidete und stylte sich damals wie die Supermodels und trat so auf. Christiane war von der Drag Queen und dessen Erscheinungsbild, Auftreten und Selbstbewusstsein sehr beeindruckt – dies prägte sie, kam sie doch aus einem wohlbehüteten, evangelischen Hause und kannte dies alles so bis zu diesem Zeitpunkt nicht. Somit steht RuPaul mit seinem Song „Supermodel (You Better Work)“ sinnbildlich für Christianes Zeit in New York, den sie uns natürlich auch vorspielte: https://www.youtube.com/watch?v=Vw9LOrHU8JI

In New York arbeitete sie als (Vertretungs-) Korrespondentin. Sie bekam einen Sohn und wie es in Amerika üblich war, arbeitete Christiane bis kurz vor der Geburt und auch 6 Wochen danach gleich weiter: Frau ist berufstätig, Frau ist gleichzeitig Mutter und trotz allem schaffte sie es, professionell zu sein… dies alles war für sie typisch amerikanisch.

DRITTER AKT

Nach 4 wunderbaren, erfolgreichen Jahren ging Christiane aufgrund der abgelaufenen Aufenthaltsgenehmigung wieder nach Deutschland zurück. Sie hatte aber auch das Gefühl, dass es Zeit wurde, weiterzuziehen. In Deutschland arbeitete sie wieder bei der Bertelsmann-Tochter, aber dieses Mal als Online-Chefredakteurin mit einem Team von 100 Redakteuren. Die Bertelsmann-Tochter gründete mit einem amerikanischen Startup ein Joint-Venture und stellte allerdings später fest, dass dieses Startup insolvent war. Letztlich wurden alle Mitarbeiter dieses Joint-Ventures auf Bertelsmann-Seite entlassen – so auch Christiane. Dies war für sie ein schwerer Schlag:

Als alleinerziehende und -finanzierende Mutter beschloss ich, mein Leben selbst zu bestimmen und unabhängig von Managemententscheidungen zu sein.

VIERTER AKT

So begab sie sich in die Selbstständigkeit – und zwar im Finanzbereich. Warum gerade der Finanzbereich? Christiane war beim Joint-Venture bei der Due Diligence eingebunden und ahnte, dass das amerikanische Startup finanziell nicht so gut aufgestellt war und wollte dies eingehender prüfen. Es hieß jedoch, sie sei eine Germanistin und sollte das Betriebswirtschaftliche doch anderen überlassen. Dass sie keine Ahnung von BWL hätte, ärgerte sie dermaßen, sodass sie sich schließlich im Finanzbereich selbstständig machte. Christiane wollte hierzu nicht in Hamburg bleiben, denn dort war sie als Medienmanagerin sehr bekannt und erfolgreich. Sollte ihre Gründung im Finanzbereich schief gehen, wollte sie sich dort nicht blamieren, und so führte sie ihre Leidenschaft für das Segeln nach Flensburg. Allerdings bekam sie immer wieder Beratungsanfragen im Bereich Marketing und somit arbeitete sie letztlich wieder in ihrem alten Metier: Texte schreiben, Medienarbeit, etc. So gründete sie also Ahoi Consulting in Flensburg mit einem wunderbaren Blick auf die Förde. Schief ging dies nicht, aber erneut kam die Liebe ins Spiel…

FÜNFTER AKT

Christiane lernte einen Mann aus Hamburg kennen, zog wegen ihm in den Großraum von Hamburg und heiratete sogar.

Und das ist jetzt die Frage, wir sind ja beim Thema Selbstführung: Ist das ein Fortschritt oder ein Rückschritt?

Bisher hatte sie ihr Leben alleine gemeistert und sich immer selbst finanziert, was auch stets ihr Ziel war – sie wollte alles immer alleine schaffen. Und plötzlich führte Christiane ihrer Meinung nach ein spießiges bürgerliches Leben: Verheiratet, ihr Ehemann hatte ein höheres Einkommen als sie… für sie alles ungewohnt.

Während einer „kinderlosen“ Zeit – ihr Sohn zog mit 11 Jahren für eine Weile zu seinem Vater nach New York – nahm sie wieder eine Festanstellung an, dieses Mal als Bereichsleiterin für Personal und Kommunikation in einer Bank in Hannover. Dasselbe Schicksal wie bei ihrer ersten Führungsposition: Es gab niemanden, der das konnte oder machen wollte! Sie wurden auf Christiane aufmerksam, die dies konnte und auch wollte. Ihr Job machte ihr viel Spaß und nach 1,5 Jahren harter Arbeit hatte sie auch all ihre Ziele erreicht. Doch dann passierte das, womit sie ganz und gar nicht gerechnet hatte – sie verlor erneut ihren Job. Warum? Im Hintergrund gab es eine Revolte. Der Vorstand, der sie eingestellt hatte, wurde von seinem Stellvertreter ins politische Aus katapultiert, und damit dieser mittelfristig entlassen werden konnte, wurden alle seine Unterstützer entlassen – so auch Christiane. Sie hatte eine spitzen Arbeit geleistet, alles richtig gemacht und war auch total angekommen… das alles zählte nicht mehr!

“Culture eats strategy for breakfast” ist der Spruch, dass Machtspiele immer gewinnen. Wenn Leute hintenrum unterwegs sind und eine Unternehmenskultur herrscht, dass man sich gegenseitig rauskickt und wegkickt, dann ist das so.

–  meinte Christiane.

Wieder sagte sich Christiane, dass sie von Topmanagern nicht mehr abhängig sein möchte, und mit ihrer Abfindung reaktivierte sie Ahoi Consulting.

CHRISTIANES RESÜMEE

Nach diesen vielen Erlebnissen machte sich Christiane Gedanken: Was für ein Mensch möchte sie sein? Wie möchte sie führen? Möchte sie ein „Boss” sein, so wie die Menschen, die sie entlassen haben – immer nur sich sehen, Menschen ausnutzen, Lob für sich einstecken und Misserfolge auf die Mitarbeiter schieben? Oder möchte sie ein „Leader” sein – ein Vorbild für andere, diese inspiriert und ihnen hilft, gut zu sein und noch besser zu werden? Dies beschäftigte Christiane derart, sodass sie zusammen mit einer Co-Autorin ein Buch schrieb.

Christiane ist sehr froh, dass sie dies alles erlebt hat, denn ansonsten würde sie nicht bewusst sagen können, dass Scheitern einfach dazugehört, und es gäbe auch nicht ihr jetziges Leben:

Ich wäre anders bestimmt wohlhabender und sicherlich auch erfolgreicher gewesen im Sinne von Status, aber das Leben, das ich jetzt führe, ist eigentlich viel schöner.

Christiane gibt gerne ihr Erlebtes weiter und es macht ihr sehr viel Spaß, Menschen zu fördern, unter anderem Studentinnen und Studenten. Sie rundete ihr sehr interessantes Storytelling daher mit ihrem Motto ab: „Sharing is caring“.

 

Den Abend ausklingen lassen…

Beim anschließenden lebhaften Austausch erzählte uns Christiane noch etwas über das Phänomen „Jobs, die keiner haben möchte“: Forschungen aus England ergeben, dass an dieser Stelle dann Frauen oder Minderheiten zum Zuge kommen. Allerdings ist eine derartige Ausgangsposition schon von vornherein zum Scheitern verurteilt – was Christiane damals aber noch nicht wusste.

Alles was ich bin, wäre ich ohne mein Netzwerk in der jeweiligen Situation nicht geworden.

Networking empfindet Christiane als eine großartige Sache. Strategisch geht sie dabei allerdings nie vor, sondern macht dies nach Gefühl und mit Herz… natürlich durfte dies dann auch beim WINspire Startup Talk nicht fehlen!

Es war ein sehr eindrucksvoller Vortrag mit offenen und ehrlichen Worten, der uns zum Nachdenken anregt und aus dem wir inspirierende Botschaften mitnehmen! Wir bedanken uns herzlich bei Christiane, Women’s Entrepreneurship und BlackBox Classics für diesen großartigen Abend und freuen uns jetzt schon auf den nächsten WINspire Startup Talk!

 

 

 

Teilen:
  • 260
  • 0