Schleswig-Holstein möchte die Chancen der Künstlichen Intelligenz (KI) für sich nutzen und entwickelt hierzu eine eigene Landesstrategie. Damit die Investitionen zielgerichtet erfolgen können und den größtmöglichen Nutzen bringen, ist eine realistische Einschätzung der Lage und unserer Möglichkeiten notwendig. Im Sprachgebrauch der Segler ist das das Gebot guter Seemannschaft. Dies ist umso wichtiger, als wir derzeit im nationalen und internationalen Vergleich noch nicht von neuen Arbeitsplätzen im Bereich KI profitieren.

Wer vom Meer profitieren will, muss investieren

Künstliche Intelligenz — oder vielmehr Machine Learning — ist eine zentrale Technologie der Digitalisierung. Sie ist so zentral, weil sie in praktisch allen Branchen und vielen Prozessen und Produkten Anwendung finden kann. Dabei reichen die Möglichkeiten von der Automatisierung einzelner Prozessschritte bis hin zu ganz neuen Geschäftsmodellen. Anders als in klassischen Branchen ist der Markt für KI Forschung und Anwendungen von Anfang an global. Das gilt für die Fachkräfte, wie für die Anwendungen, von denen viele über die Cloud oder als Apps direkt weltweit verfügbar sind.

Die aktuelle Welle im Bereich KI ist geprägt von Fortschritten in der Grundlagenforschung. Dazu beigetragen haben 3 Elemente: Rechenleistung, Daten in elektronischer Form und bestimmte Optimierungen der Algorithmen. Die großen Tech-Konzerne und einige Unternehmen setzen diese Verfahren bereits kommerziell ein. In der Breite der adressierbaren Branchen ist KI noch nicht angekommen. Dies wird in der nächsten Welle der KI geschehen.

Wie jede technologische Neuerung bringt auch KI Risiken und Gefahren mit sich. Ähnlich wie wir uns mit Wettervorhersagen und Deichen vor Sturmfluten und dem Klimawandel schützen, müssen wir uns auch hier entsprechend vorbereiten. Trotzdem wird es zu Arbeitsplatzabbau durch Automatisierung und Missbrauch oder falschem Einsatz der Technologie kommen.

Hiergegen hilft nur, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass wir von den positiven Effekten der Digitalisierung und KI profitieren. Wie wir in Tourismus, Schiffbau und Schifffahrt, Fischerei, oder in den Segelsport investieren, um vom Meer zu profitieren, müssen wir in KI investieren, damit Arbeitsplätze geschaffen, Abläufe optimiert und neue Produkte entwickelt werden.

In welcher Bootsklasse segeln wir?

Es ist derzeit vollkommen unstrittig:  Der America’s Cup im Bereich KI wird zwischen den USA (genauer den Tech-Firmen im Silicon Valley) und China ausgetragen. Deutschland und viele europäische Staaten segeln derzeit noch deutlich dahinter. Die EU und ihre Mitgliedsstaaten arbeiten aktuell an Strategien, um den Abstand zu verkürzen.

Wie Schleswig-Holstein im Moment aufgestellt ist, ist noch schwer abzuschätzen. Es gibt aber einen wichtigen Indikator für die wirtschaftliche Tätigkeit im Bereich KI: die Anzahl offener Stellen für Machine Learning. Experten in diesem Bereich sind schwer zu finden. In Regionen, in denen viel passiert, ist also davon auszugehen, dass die Anzahl offener Stellen höher ist. Und hier sieht es für Schleswig-Holstein leider nicht gut aus.

Ich habe mal die offenen Stellenanzeigen zum Thema „Machine Learning“ ausgewertet (Indeed, Stand Anfang März 2019). Um die Werte vergleichbar zu machen, wurde die Anzahl offener Stelle auf je 100TSD Einwohner berechnet (s. Grafik).

Mit Abstand führend ist San Francisco mit gut 300 offenen Stellen auf je 100 TSD Einwohner. Deutschland, Dänemark und Schweden liegen mit um die 5 deutlich dahinter, dabei sticht Berlin mit 24 heraus. In Schleswig-Holstein sind es 0,4.

Zur Einordnung der Zahlen muss man noch eine Sache berücksichtigen. Selbst in einem „KI-Produkt“ stellt der Bereich Machine Learning nur einen kleinen, hochspezialisierten Anteil. Dies bedeutet, dass man davon ausgehen kann, dass pro Machine Learning Experte noch ca. 10 – 15 weitere Stellen geschaffen werden. Läge Schleswig-Holstein im bundesdeutschen Schnitt, müssten ca. 130 Stellen mehr offen sein. Man kann also von ca. 1500 Stellen ausgehen, die derzeit nicht bei uns entstehen.

Was können wir tun?

Ohne eingehende Untersuchung der Lage, kann über die Ursachen dieser Lücke nur spekuliert werden. Zwei der führenden Branchen, in denen KI derzeit adaptiert wird — FinTech und eCommerce — sind in Schleswig-Holstein nur schwach vertreten. Aber dies wird als Erklärung nicht ausreichen.

Schauen wir also mal auf Einflussfaktoren, die für den Erfolg von KI in der Breite ausschlaggebend sind, z.B.

  • eine positive Grundstimmung gegenüber KI / ML
  • Personen mit fundiertem mathematischem und programmiertechnischem Wissen
  • Personen, die mögliche Einsatzszenarien identifizieren können
  • ein Klima, das einen offenen Austausch fördert
  • Daten
  • Infrastruktur (= Rechenleistung)
  • einen kommerziellen (oder politischen) Anreiz

Einige der Punkte möchte ich etwas näher beleuchten.

Positive Grundstimmung : Aufklärung statt Seemannsgarn

Viele Menschen haben ein vollkommen falsches Bild von dem, was KI eigentlich ist. Das bereitet ihnen Unbehagen, wenn nicht Angst. Leider betonen viele Medienberichte die Risiken und geben — oft aus Unkenntnis — ein falsches Bild von KI wieder. Und wer wird sich schon auf das offene Meer wagen, wenn ständig nur von den Gefahren gewarnt wird, die dort draussen lauern?

Ja, die Technologie birgt Gefahren und Risiken. Das darf man nicht verheimlichen. Die größte Gefahr geht aber übrigens nicht von der Technologie, sondern von Menschen aus, die die Technologie bewußt missbrauchen, oder von welchen, die durch Unwissenheit Schaden anrichten.

Da hilft nur Aufklärung, wie ich sie in meinen Kursen „Die Welt der Künstlichen Intelligenz“ vermittele (https://atnc/welt-der-ki).

Eines sollte man nämlich beachten. Nicht nur auf dem Schiff wird viel und oft Seemannsgarn gesponnen, auch in der Welt der KI. Da gibt es Geschichten von denkenden Maschinen und Robotern, die die Weltherrschaft anstreben. Und dieses Seemannsgarn wird gerne auch von renommierten Forschern gesponnen und dann von den Medien verbreitet. Das macht es für Aussenstehende so schwer, Döntjes von Fakten zu unterscheiden.

Zugegeben, bei KI handelt es sich um eine schwierige Materie. Aber es gibt trotzdem die Möglichkeit, Laien die Grundzüge verständlich zu vermitteln. Z.B. habe ich in einem Blog-Beitrag mal erklärt, warum man überhaupt so etwas wie Machine Learning benötigt (https://medium.com/datadriveninvestor/ai-for-everyone-why-we-need-machine-learning-81de7b6b7f64).

Viele Menschen denken, ein KI-System ist ein riesiges, unkontrollierbares Etwas. In Wahrheit geht es i.d.R. um einzelne, hochspezialisierte Prozessschritte, in denen Bild-, Sprach- oder Texterkennung benötigt, oder eine Prognose gestellt wird. Der Rest des Systems (90%) ist klassisch programmiert. Das ist auch der Grund, warum auf einen Machine Learning Experten soviel weitere Jobs kommen.

Segelrevier und Daten

Die Chancen, von KI zu profitieren, liegen dort, wo unsere wirtschaftlichen Schwerpunkte in Schleswig-Holstein sind. Unser Revier sind Tourismus, Landwirtschaft, Energie und Gesundheit. In diesen Bereichen gibt es genug Unternehmen, die von neuen Lösungsansätzen profitieren können. Aber auch der Bereich Videospiel-Entwicklung (einem jungen Schwerpunkt in Schleswig-Holstein) ist ein wichtiges Zukunftsfelder in dem Machine Learning immer wichtiger wird.

Machine Learning benötigt Daten, um selbstlernende Systeme zu trainieren. Das ist die Basis von KI. Selbstlernende Systeme können genutzt werden, um die Belegungszahlen im Tourismus zu verbessern, indem man den Gästen individualisierte Angebote macht, um im Gesundheitswesen bessere Diagnosen zu stellen, oder um das Erlebnis von Spielern in einem Videospiel zu optimieren. Dies alles setzt aber eines voraus: personenbezogene Daten. Denn nur auf die persönlichen Bedürfnisse optimierte Angebote haben die Chance auf kommerziellen Erfolg.

Hier muss man erkennen, dass die Klagen des ULD bzgl. der Nutzung von Facebook-Fanpages und die DSGVO zu einer sehr hohen Verunsicherung innerhalb der Unternehmen geführt haben, was den Umgang mit personenbezogenen Daten angeht. Dies birgt die Gefahr, dass viele potentielle Machine Learning Szenarien ungenutzt bleiben.

Möglichst alle mitnehmen

Ziel für Schleswig-Holstein muss es sein, das Thema KI in der Breite zu verankern. Da uns die Konzerne als Dickschiffe fehlen, müssen wir möglichst viele, kleine und wendige Boote aufs Wasser bringen.

Finnland macht es vor. Hier läuft bereits ein Programm, um 1% der Bevölkerung im Bereich KI auszubilden. Warum ist das sinnvoll?

KI (oder besser gesagt Machine Learning) ist eine Technologie. Diese schafft nur Mehrwert, wenn sie eingesetzt wird, um bestehende Probleme zu lösen, oder Produkte und Prozesse zu verbessern. Wo solche Probleme zu finden sind, wissen aber nur die Fachexperten aus den unzähligen Branchen, und nicht die KI Experten. Damit diese Fachexperten mögliche Anwendungsszenarien identifizieren können, müssen sie die Grundzüge von KI verstehen. Die Umsetzung kann anschliessend zusammen mit KI-Experten erfolgen.

Je mehr Menschen also über die Grundzüge von KI Bescheid wissen, um so höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Technologie in der Breite Anwendung findet und Mehrwert schafft.

Offenheit und neue Wege

Wir haben in Schleswig-Holstein nur begrenzte Ressourcen. Um wettbewerbsfähig zu sein, müssen wir an der ein oder anderen Stelle flexibel und offen für neue Ansätze sein. Der Bereich der KI bietet da eine besondere Chance.

Wer sich aus technischer Sicht mit dem Thema Machine Learning auseinander setzt, wird eine interessante Erfahrung machen. Praktisch alles, was man benötigt, um sich in das Thema einzuarbeiten, ist frei verfügbar. Die Softwarebibliotheken, online Tutorials und Kurse, Blogbeiträge, wissenschaftliche Veröffentlichungen, Trainingsdaten aus praktisch allen Anwendungsgebieten, und selbst Rechenleistung in der Cloud (in gewissem Rahmen) ist kostenfrei zugänglich. Lediglich Zeit muss man selbst investieren.

Aber: alle Materialien sind auf Englisch. Und hier tun sich deutsche Unternehmen noch immer schwer. Die Erwartungshaltung ist noch immer, dass Trainingsmaterialien und Kurse auf Deutsch vorliegen müssen. Die skandinavischen und baltischen Staaten haben diese Erwartungshaltung nicht, dass alles in ihrer Muttersprache vorliegen muss.

Hier wäre ein Umdenken wünschenswert. Denn man könnte nicht nur Geld und Zeit sparen. KI bzw. Machine Learning ist ein komplexes Thema. Um bestimmte Sachverhalte zu verstehen benötigt man häufig verschiedene Erklärungsansätze. Auf Englisch gibt es zu jedem Thema vielfache Erklärungsansätze, so dass man praktisch immer einen findet, der zu seinem persönlichen Lernstil und Verständnis passt. Diese Vielfalt geht verloren, da es gar keinen Sinn macht, alle vorhandenen Materialien zu übersetzen.

Netzwerken

Eine weitere Möglichkeit, das Thema KI kostengünstig voran zu bringen, sind kleine Netzwerkveranstaltungen. Große Veranstaltungen, wie die KI Konferenz der Staatskanzlei, sind geeignet, um Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken, und stossen auch auf großes Interesse. Aber große Veranstaltungen sind nicht immer die beste Möglichkeit, Akteure miteinander zu vernetzen und Erfahrung auszutauschen. Nach meiner Erfahrung tun sich Menschen, die sich noch nicht gut mit dem Thema KI auskennen, schwer, sich bei solchen Gelegenheiten zu offenbaren. Sie haben den Eindruck, dass um sie herum nur Experten sind.

Die Kieler Woche lenkt die Aufmerksamkeit auf den Segelsport. Aber viele interessante Gespräche und Möglichkeiten für den Erfahrungsaustausch ergeben sich jeden Abend, wenn Segler in fremde Häfen einlaufen und in ungezwungener Runde und abseits der Öffentlichkeit aufeinander treffen.

Wir müssen also Möglichkeiten für diesen ungezwungenen und unbeobachteten Erfahrungsaustausch schaffen. Das ist kostengünstig zu organisieren und überall im Land durchführbar, nicht nur in den großen Städten. Z.B. fanden im letzten Jahr allein in Nordfriesland 5 unterschiedliche Barcamps statt: Beachcamp SPO, Unternehmercamp, Barcamp Zukunftsenergien, Deutsch-Dänisches Barcamp und nicht zu letzt das Machine Learning Camp SPO. Aus diesen Barcamps sind diverse Ideen und Initiativen hervor gegangen, was zeigt, wie effektiv diese Art der Vernetzung gerade im ländlichen Raum sein kann.

Und nun?

Der aufgezeigte Indikator der offenen Stellen ist natürlich nur ein Anhaltspunkt für den Stand von KI in Schleswig-Holstein. Ich habe versucht ein paar Aspekte aufzuzeigen, die als Erklärungsansätze dienen können. Dies ersetzt aber natürlich keine fundierte Analyse.

Gerade bei den begrenzten finanziellen Möglichkeiten im Land, ist es notwendig, genau zu überlegen, wie und wo investiert wird. Viele Diskussionen, die ich mitbekomme, betreffen Investitionen in die Forschung an den Hochschulen. Das ist ohne Frage ein wichtiges Thema. Aber es muss auch eine klare Vorstellung herrschen, wie und in welchem Zeitrahmen dies zur Schaffung neuer Arbeitsplätze in der Wirtschaft führen kann.

Und es muss mit den Unternehmen gesprochen werden, was sie von der Investition in diese wichtige Technologie abhält.


Über den Autor

Dr. Christian Wiele: Nach der Promotion in theoretischer Physik hat Christian 18 Jahre in verschiedenen Bereichen als Chef Architekt bei SAP gearbeitet. Seit 2014 lebt er mit seiner Frau und seinen 3 Kindern in St. Peter-Ording. Seit 2012 führt er gemeinsam mit seiner Frau die Firma gezeitenraum. Parallel dazu hat Christian 2018 Atlantic Tech & Candy gegründet. Hier bietet er Beratung und Trainings im Bereich Künstliche Intelligenz und Machine Learning an.

Mehr Informationen zu Dr. Christian Wiele findet ihr unter:
https://atnc.ai

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