Fckup N8 Nr. 5 in Flensburg, Scheitern erlaubt. Ein Abend, an dem insbesondere die Dinge im Mittelpunkte stehen, welche sonst oft verschwiegen werden: Probleme, Fehlentscheidungen und Mißtritte. Am 12. Juni erzählten Tina Firk und Sandra Völker im Kühlhaus von ihren persönlichen Misserfolgen.

Begrüßung durch Stefanie Thomsen von der IHK Flensburg

Über die fckup N8

Es gibt nicht nur eine Chance. Die Welt ist nicht voller strahlender Helden. Das ist die Botschaft der fckup N8. Der offene Umgang mit dem Thema Scheitern, ist es, was die fckup N8’s ausmachen. Unternehmer*innen gehen auf die Bühne und berichten, was bei ihnen alles schief gelaufen ist, wo es mal nicht geklappt hat und welche Hürden sie bewältigen mussten. Ziel ist es, Mut zu machen und eine Fehlerkultur zu schaffen, die lehrreich und positiv ist.

Das Motto des Abends war: Einfach mal machen. Stefanie Thomsen von der IHK Flensburg leitete durch den Abend und stellte als erstes Selina Seemann, Poetry Slamerin aus Kiel, vor, welche die Veranstaltung mit zwei lockeren Slameinlagen einrahmte. Auch in ihren Texten “Scheiterhaufen” und “Aufräumen mit Marie Kondo” ging es ums das Gefühl des Scheiterns, darum, wie Boris Becker ihre Instagram Karriere ruinierte und wie ihre Haustür kein Joy sparkt. 

Poetry Slamerin Selina Seemann

Tina Firk 

Erste Speakerin des Abends war Tina Firk. Sie ist die Inhaberin von Lille Ting, einer Boutique in Hamburg, wo sie Kleider, Schmuck und Accessoires im skandinavischem Stil verkauft.  Nachdem sie erst im Hotel, dann als Flugbegleiterin und im Anschluss bei einer Golfbekleidungsfirma gearbeitet hatte, kündigte sie nach ihrer Schwangerschaft und startete etwas Eigenes. Als Halb-Dänin, Halb-Schwedin war Tina viel in den nordischen Ländern unterwegs und schätzte die schönen Sachen in den Lädchen dort. Mit einer Freundin wagte sie sich auf eine Messe in Dänemark, kaufte dort gezielt eine und begann auf Wochenmärkten zu verkaufen. Die Nachfrage nach den skandinavischen Mode- und Wohnaccessoires war groß. Schnell etablierte sich ihr Stand, der erste kleine Hofladen wurde eröffnet und bald auch ein richtiger Laden. Die erste große Schwierigkeit kam auf, als der Laden nach achteinhalb Jahren neu gestrichen wurde und sich Schimmel ansetzte. Tina wurde krank und es dauerte einige Zeit bis sich herausstellte, dass die lebensgefährlichen Schimmelporen sich im ganzen Laden ausgebreitet hatten. Mit Anwälten schaffte es Tina aus dem Mietvertrag, musste aber in einen neuen Stadtteil ziehen und einige Zeit Doppelmiete zahlen. 

Tina Firk zum ersten Mal in ihrem Leben auf der Bühne

Es war eine heftige Phase für Tina. Ein Umzug ist wie ein Neuanfang, die meisten Kunden hat sie verloren. Geholfen hat an dieser Stelle Instagram. Mit dem Umzug startete Tina einen Account und schaffte es darüber Neukunden zu gewinnen und ihren Bekanntheitsgrad auszubauen. Doch nach nur kurzer Zeit in der neuen Location stellten sich ihr neue Hürden in den Weg. Tina erzählt, dass seit zwei Jahren rund um ihren Laden gebaut wird. Alle anderen Geschäfte in der Straße haben aufgrund der Baustelle bereits zu gemacht. Dazu kam ihre Krankheit und der Gedanke an einen Räumungsverkauf ließ sie nur noch kränker werden. Physisch und Psychisch war Tina am Ende. Unterstützung für sie als Selbstständige gab es nicht. 

“Ich bin immer gegen eine geschlossene Tür gerannt.”

Tina Firk von Lille Ting

Eine im letzten Herbst beantragte Reha wurde erst jetzt genehmigt. Es war das Beste, was ihr passieren konnte, sagte Tina. Durch die Reha schaffte sie es, Abstand zum Laden zu gewinnen und sich neu zu sortieren. Der Entschluss den Laden zu schließen ist gefasst. Erst einmal wird alles verkauft, um die Schulden zu tilgen. Aufhören wird Tina allerdings nicht. Nur etwas verändern. Sie sieht Scheitern nicht als negative Lebenserfahrung, sondern als Neuanfang und appelliert dafür in Deutschland mehr über das “Tabuthema” Scheitern zu sprechen. 

Sandra Völker

Auch Sandra Völker als zweite Sprecherin des Abends spricht offen und ehrlich über das Scheitern. Als Weltklasseschwimmerin nahm Sandra an vier olympischen Spielen teil, hat über 60 internationale Medaillen gewonnen und ist 11 Weltrekorde und 18 Europarekorde geschwommen. Heute ist sie Trainerin, Referentin und Motivations-Coach. Doch bis dahin war es ein langer Weg.

“An Land kannst du nicht schwimmen” von Sandra Völker 

Erst mit zwölf startete Sandra den Schwimmsport und gilt damit als Späteinsteigerin. Der Grund, warum sie trotzdem soviel Erfolg hatte, ist, dass sie ihren eigenen Weg gegangen ist, und immer ein Ziel vor Augen hatte. Als sie mit 18 Jahren bei ihre ersten Olympischen Spielen in Barcelona nur neunte im Vorlauf wurde, kam dies für sie einer Katastrophe gleich, Scheitern auf ganzer Linie. Danach stelle sie ihr Training um, konzentrierte sich auf Crossover Training und kurze Distanzen und schwamm von einem Erfolg zum nächsten. Eine Ausbildung oder ein Studium hatte keinen Platz, alles was zählte war der Sport. Bis zur Geburt ihrer Tochter 2008. Danach war der ganze Ehrgeiz weg. 

Ihre Stiftung, zu der ihr Management sie gebracht hatte, fraß zu viel Zeit, sie verzettelte sich mit einer Eigentumswohnung, investierte in falsche Fonds, ein Sponsor sprang ab und eins kam zum anderen.

“Auf einmal läuft alles falsch!”

Sandra Völker

2013 musste Sandra Hartz IV anmelden. Für sie war es schwerer als jeder Wettkampf. Die erste Reaktion war, alles geheim zu halten, damit möglichst die Presse nichts davon erfährt. Mit dem Jobcenter gab es nur Schwierigkeiten. Sie litt unter Existenzangst musste schließlich in die Privatinsolvenz gehen. Durch eine Onlineversteigerung ihrer Medaillen bekam sie 76.500€, wodurch sich ein Großteil ihrer Schuldnersumme von 120.000€ tilgen ließ.  

RTL war vor Ort und filmt die beiden Speakerinnen

Mittlerweile ist Sandra seit über einem Jahr aus der Insolvenz. Anstatt es geheim zu halten, geht sie nun offen mit dem Thema um, hat ein Buch (“An Land kannst du nicht schwimmen”) geschrieben und startet mit drei Jobs auf einmal neu. Mit der von ihr selbst entwickelten Völker Methode arbeitet sie als Schwimmtrainerin. Aus dem Sport und der Mentalität dahinter lassen sich auch wichtige Aspekte für Unternehmensphilosophien ziehen. Deshalb ist Sandra parallel Referentin und Motivations-Coach. Der Umgang mit dem Scheitern veränderte sich von Geheimhaltung zu “Dazu Stehen” bis zur Erleichterung und sogar Dankbarkeit. Sport steht für eine Herzensgeschichte. Die Leidenschaft zählt. Das hat sie aus der Zeit der Insolvenz gelernt und gibt nun allen Anwesenden mit:

“Triff die Entscheidung und leg einfach los mit 100% Leidenschaft.”

Sandra Völker

Zwei Vorträge, die Mut beweisen und berühren. Die Reaktion aus dem Publikum zu der Veranstaltung waren durchweg positiv. Einige Eindrücke wurden im Video festgehalten: 

Vielen Dank an die Speakerinnen für die Offenheit und Ehrlichkeit und an alle Organisator*innen der Veranstaltung. Wir freuen uns auf die kommenden fckup Nächte. 

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