Steuererklärung in 5 bis 10 Minuten online erledigen? Elektronisch wählen? Krankenakten online einsehen? 1-Euro-Beträge am Kiosk mit der Karte zahlen? Was in Deutschland noch in den Sternen steht, ist in Estland bereits seit langem gang und gäbe.

Gestern gab Kristiina Omri von der Botschaft der Republik Estland in Berlin beim WebMontag Kiel in der Starterkitchen im Rahmen der Digitalen Woche Kiel 2017 einen spannenden Einblick in die Digitalisierung Estlands. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde startete Kristiina Omri mit ihrem Vortrag “e-Estonia – Leben in einer digitalen Gesellschaft”. Schwerpunkt war hierbei die digitale Verwaltung und verschiedene Aspekte eines digitalen Staates.

 

Warum, wie & wann kam es zu “e-Estonia”?

Anfang der 90er Jahre waren die Anrainerstaaten bereits relativ gut mit Technologien ausgestattet und die Politik Estlands entschied daraufhin, dass das Land sich schnell bewegen und die neuesten Technologien verwenden müsste. Anstatt das Angebot für ältere Technologien von den Nachbarländern anzunehmen, warteten die Esten lieber ein paar Jahre, um sich dann die neuesten besorgen zu können. Parallel zur Einführung dieser neuen Technologien begannen sie mit Schulungsprojekten für die verschiedenen Bevölkerungsgruppen. So wurde beispielsweise das Fach IT bereits 1995/1996 in der Schule integriert und auch die älteren Menschen führte man fließend an die Digitalisierung heran. Diese Entwicklung lässt sich durch die Aussage von Kristiina Omri verdeutlichen:

Man sagt es, ja, Estland hat etwas Revolutionäres gemacht, aber für uns ist es eine Evolution gewesen, weil wir schon in 20 Jahren das aufgebaut haben. Es ist nicht über Nacht zustande gekommen.

 

Was sind die Kernelemente bei der elektronischen Verwaltung?

Es gibt 3 Hauptbestandteile:

  1. e-Identität: Digitaler Personalausweis (ID-Karte), den jeder estnische Bürger ab 15 Jahre besitzen muss. Dieser ist somit Pflicht und nicht ohne digitale Identifizierungsmöglichkeit zu bekommen.
  2. Digitale Unterschrift: Ist im Rechtsverkehr gleichzusetzen mit einer eigenhändigen Unterschrift, beispielsweise können Verträge digital bzw. online unterschrieben werden.
  3. X-Road: Ermöglicht eine Kommunikation bzw. einen Datenaustausch zwischen Datenbanken denn nach wie vor sind aus Gründen der Sicherheit und der Verwaltung verschiedene Daten in unterschiedlichen Datenbanken eingetragen.

Mit der ID-Karte kann sich auch jeder Este in ein Patientenportal einloggen und sein gesamtes Gesundheitsbild abrufen – ohne den Aufwand, sich bei den jeweiligen Ärzte persönlich danach zu erkunden. Auch die behandelnden Ärzte haben Zugriff auf die „Gesundheitsakte“ und können sich über Untersuchungen ihrer Kollegen informieren. Möchte ein estnischer Bürger dies nicht, kann er ganz einfach in seinem Portal eine weitere Benutzung sperren lassen.

 

Und was hat es mit dem e-Residency-Projekt auf sich?

Hiermit wurde im Jahr 2014 begonnen und ermöglicht Ausländern, die nicht in Estland wohnen, einen digitalen Personalausweis – jedoch ohne Foto, sodass man diesen ausschließlich für bürokratische Angelegenheiten verwenden kann. So könnt ihr zum „digitalen Bürger“ werden und beispielsweise innerhalb von 18 Minuten ein Unternehmen in Estland gründen!

 

Bleibt noch die Frage… was ist in Estland digital nicht möglich?

Heiraten, scheiden lassen und Immobilien verkaufen!

Diese drei Angelegenheiten müssen immer noch analog erfolgen. Ansonsten sind 99 Prozent aller Dienstleistungen für die Esten elektronisch verfügbar und können somit online erledigt werden… so wie die jährliche Steuererklärung. Hier brauchen Privatpersonen gerade mal 5 bis maximal 10 Minuten, um diese online zu erledigen, da diese für die Bürger schon vorab vorbereitet werden. Kein Wunder also, dass mehr als 95 Prozent der Steuererklärungen online getätigt werden. Dennoch wird den Bürgern trotzdem eine analoge Alternative geboten, auch wenn dies kaum in Anspruch genommen wird.

 

Zum Schluss noch einmal zurück zu den wichtigsten Themen!

Ihren Vortrag rundete Kristiina Omri mit drei zentralen Themen ab:

  1. Digitalisierung öffentlicher Dienstleistungen stellt für die Esten nicht die Digitalisierung von Bürokratie dar, sondern diese müssen für sie einen Mehrwert bringen.
  2. Bei einem elektronischen Staat geht es zwar auch um Technologie, aber hauptsächlich doch um die rechtlichen Rahmenbedingungen.
  3. Für öffentlichen Dienstleistungen sind keine hohen Internetkapazitäten bzw. Internet-Geschwindigkeit erforderlich – vorwiegend handelt es sich um kleine Datenmengen.

Im Anschluss hieran wurden viele Fragen gestellt und es fand ein reger Austausch statt. Eins wurde ziemlich deutlich: Estland ist ein digitaler Vorreiter und Deutschland kann in Sachen Digitalisierung viel von dem kleinen Land mit 1,3 Millionen Einwohnern lernen.

Wir bedanken uns bei Kristiina Omri und den Organisatoren für diesen sehr interessanten Vortrag und für das Eintauchen in die digitale Welt von Estland!

 

 

 

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